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Rassismus im Stadion

Interview mit Gerd Dembowski (Flutlicht e.V.)

Im Stadion Rassistische Ausfälle sind in Fußballstadien leider keine Seltenheit. Bei den Länderspielen der deutschen Mannschaft in der Slowakei und Slowenien zuletzt sehr prominent über den Fernseher wahrnehmbar. Worin siehst Du die Ursachen?
Gerd: Auch bei den WM-Vorbereitungsspielen gegen Frankreich und Italien waren rechtsorientierte und neonazistische Leute aktiv… Auf diese Frage müsste ein Cocktail aus Antworten folgen. Ich versuche einmal, ein Puzzlestück herauszugreifen.
Es wird darauf gesetzt, im Ausland ein Ordnungssystem anzutreffen, dass womöglich weniger Erfahrung mit dem Verhalten von deutschen Fußballfans hat. Nicht nur, aber besonders auch für Fans von unterklassigen Vereinen ist so etwas reizvoll. Das kann auch den Reiz fördern, auf (inter-)nationaler Bühne zeigen zu wollen, was ‚man’ so drauf hat.
Die WM kann da eine zusätzliche Bedeutung bekommen. Die einen wollen international zeigen, dass sie da sind und dass es sie auch mit rassistischen Gesängen gibt. Und bei manch anderen kommt die Wut zum Tragen, von der WM im eigenen Land durch das Ticketproblem, die Überwachung und Repression sowie die irgendwie als inadäquat empfundene Plastik-Inszenierung ausgeschlossen zu sein. Wenn mensch bereits eine rechte Einstellung hat, kann dies ihn bestärken, muss aber nicht.

Dies darf aber nicht als Plädoyer für mehr Repression und Überwachung verstanden werden. Der Knüppel kann kein Allheilmittel sein. Gerade im Fußball gibt es gute Erfahrungen mit der Förderung von Selbstreinigungsprozessen und mit antirassistischen Kampagnen und Projekten, die es auszuweiten gilt.
Immer wieder muss auch die Phrase geschüttelt werden, dass Rassismus ein gesellschaftliches Problem ist. Wenn mensch sich die Politik der Bundesregierungen in den letzten Jahren betrachtet, die eng mit dem Relaunch eines deutschen Nationalismus in weichem Gewand verbunden ist, darf mensch sich nicht wundern, wenn auch Leute im Fußballumfeld nach rechtsaußen abdriften und sich dort einrichten. Einige sehen dies als zu lasch und verharmlosend und wollen sich deswegen davon abheben: cooler oder härter sein. Andere fühlen sich vom ‚neuen’ Nationalismus geradezu befördert. Dies funktioniert aber heutzutage meistens nicht über klare Ansagen, wie in der Frage angesprochen, sondern über subtilere Codes und Symbolformen. Und gerade auch im Fußball, wo ein gesellschaftlich sanktionierter Freiraum vermutet wird, portionierter Karneval, das Ventil, um sich, dem eigenen Alltag und seinen unterdrückten Energien Luft zu machen.

 

Du sprichst es bereits an: Bis Mitte der 90-er Jahre trat Rassismus in den Stadien sehr offen zu Tage. Heute findet das eher subtil statt. Was hat sich geändert?
G.: Wenn die offen rassistischen Gesänge und Banner in den Stadien der 1. und 2. Bundesliga fast verschwunden sind, heißt das nicht, dass es dort keine Menschen mehr gibt, die rechtes Gedankengut unterstützen. Neonazis und ihre Sympathisanten sind für Außenstehende generell unsichtbarer geworden. Anstelle von eindeutiger Symbolik gibt es z. B. Zahlenkombinationen, abgewandelte Runen, Klamottenfirmen, die mit anderen Outfitmerkmalen kombiniert werden. Leute mit rechtem Gedankengut haben gelernt sich zu modernisieren, zum Teil auch politisch. Das könnte sie noch gefährlicher machen.

Dennoch bleiben markante Auswüchse nicht aus, besonders in den unteren Fußballbereichen: Ende 2005 beschimpften Cottbuser Fans die Dynamo-Dresden-Anhänger auf einem Transparent als Juden, beim Jugend-Stadtderby in Leipzig im Januar 2006 bildeten ca. 50 Lokomotive-Fans ein ‚lebendiges’ Hakenkreuz und bei Hallescher FC gegen Sachsen Leipzig im März provozierten eine große Zahl Halle-Fans den Leipziger Spieler Adebowale Ogungbure und traten auf ihn ein.

 

Weshalb üben Fußballstadien eine so große Anziehungskraft auf organisierte Rechte aus?
G.: Ja, warum nicht Synchronschwimmen oder Kinobesuche? Zunächst hat Fußball eine lange Tradition als Zuschauersport. Mit der Industrialisierung und der damit verbundenen Flucht in die Städte ging viel Vertrautes verloren, wofür Ersatz her musste. Und Fußball war eben da, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Dazu kam die steigende Menge an Freizeit. Öffentlich sanktioniert Alkohol trinken, den kleinen Ärger ablassen, symbolisch betrachtet auch eine Gemeinsamkeit in der Masse finden, besonders Männerbündelei und die Zurschaustellung des männlichen Härteideals – das prägte früh den Flair des Fußballs. Fußball als Gesellschaftskitt.
Wo sonst konnte und kann mensch sich alle zwei Wochen am selben Ort, in ähnlicher struktureller Masse in einem solch großen und heute auch medial beachteten Umfeld präsentieren und selbst bestätigen. Hier gibt es Alte und Junge, Arbeiter und Architekten, dementsprechend auch jede politische Ausprägung, also auch Rechtsorientierte. Besonders hier, wo aus der anonymen Masse heraus Dinge gerufen vertreten werden können, die sonst vielleicht nicht so einfach ausgesprochen werden.

 

Das Spiel Wie reagieren Fangruppen, BAFF oder Vereine darauf, dass Stadien von Nazis als Rekrutierungsfeld genutzt werden?
G.: Sie versuchen, ihr Umfeld zu stärken. Manchmal nicht einmal bewusst, sondern ganz allein dadurch, weil es in Fußballstadien eine gewachsene Selbstdisziplinierungs- aber auch kreative Protestkultur durch Fanclubs, Ultragruppen u. a. gibt. BAFF-Mitglieder sind immer irgendwie mit dabei und werfen Flaschenposten. Die dreizehnjährige Geschichte von BAFF hat viele Ausprägungen: die Entwicklung der ironisch-distanzierten Fanzeitungsszene in den 90-er Jahren mit Statements, Stickern und Konzerten gegen Rechts zum Beispiel. Dann kam die Mitbegründung des europaweiten Netzwerkes „Football Against Racism in Europe“ (FARE), in dessen Aktionsprogramm BAFF die Wander-Ausstellung „Tatort Stadion. Rassismus und Diskriminierung im Fußball“ durch mehr als 40 Städte schickte und Workshops mit Schulklassen und Fußballfans anknüpfte. „Tatort Stadion“ wurde zum medialen Diskurs und dadurch zur Kampagne, die auch vor Spielern und Funktionären mit rechtsorientierten Äußerungen nicht halt machte. Heute arbeite ich in der Organisation „Flutlicht“ an einem Nachfolgeprojekt, die im Juni 2006 die Ausstellung „Ballarbeit. Szenen aus Fußball und Migration“ in Berlin zeigen wird. Auch hier sind Fußballfans beteiligt.
Auch Vereine und internationale Verbände reagieren auf so etwas, besonders auf die Arbeit von FARE. Da stehen zunächst mal schriftliche Absichtserklärungen oder neue Paragraphen. Das ist symbolpolitisch nicht verkehrt, aber es liegt an den Fans, hartnäckig zu bleiben und sich für die Umsetzung einzusetzen.
Traurig dann, wenn der DFB in keiner Pressemiteilung, die ich kenne, auf den Rassismus von Fans eingeht, der z. B. beim Länderspiel in Slowenien eine Rolle spielte. Es gibt noch viel zu tun, vor allem wenn wir - aus konservativer Sicht gesprochen - noch einen Schritt weiter gehen: im Kampf gegen Homophobie und Frauenfeindlichkeit im Fußball zum Beispiel.

Gerd Dembowski konzipierte für BAFF die Wanderausstellung „Tatort Stadion. Rassismus und Diskriminierung im Fußball“

 

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