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Die Fußball-WM als gigantische Werbekampagne für Deutschland

Autor: Tobias Jäcker

Im Stadion

Wenn Franz Beckenbauer über die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland spricht, kommt er aus dem Schwärmen kaum noch heraus. „Ein tolles Fußball-Fest“, „spannende, schön anzuschauende Spiele“ und eine „tolle Stimmung“ erhofft sich der Chef des WM-Organisationskomitees. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündet, „der Funke der Begeisterung und der Völkerverständigung“ werde bei der WM „auf die ganze Welt überspringen.“ Sportlicher Wettbewerb und die Welt zu Gast bei Freunden – so sieht die schöne Fußball-Welt in den Verlautbarungen von Funktionären und Politikern aus. Aber ist das auch tatsächlich so?

 

Kommerz

Die Realität lässt daran zweifeln. Beispiel Stadion-Tickets: Der größte Anteil geht direkt an Fußballverbände, Sponsoren und Logen-Gäste. Nur 31 Prozent der verfügbaren Plätze kommen überhaupt in den freien Verkauf – und das zu überteuerten Preisen und unfairen Konditionen. So müssen Bewerber für ein Team-Ticket eine „Servicegebühr“ in Höhe von 50 Euro abdrücken, auch wenn sie am Ende gar nicht zum Zuge kommen. Da kann nur mithalten, wer aufs Geld nicht achten muss. „Der gemeine Fan wird draußen vor den Toren stehen“, beklagt zum Beispiel das Bündnis aktiver Fußball-Fans (BAFF).
Die Gewinner stehen ebenfalls fest. Zum einen ist da die FIFA: Rund 1,7 Milliarden Euro spült die WM dem Weltfußballverband aus Fernsehrechten und von Großsponsoren in die Kasse. Die Sponsoren wiederum sind die anderen großen Absahner. So werden zur WM rund um die Stadien „geschützte Zonen“ eingerichtet, in denen nur die offiziellen FIFA-Partner werben dürfen. Das Land wird mit teuren Marketing-Artikeln überschwemmt. Und wer ohne gebührenpflichtige Genehmigung Begriffe wie „Fußball-WM 2006“ verwendet, wird von der FIFA umgehend verklagt.

 

Nationalchauvinismus

Man kann die Kommerzialisierung des Fußballs beklagen – neu ist diese Entwicklung nicht. Überraschender ist schon die Tatsache, dass die Fußball-WM nicht nur für die Interessen der Wirtschaft eingespannt wird, sondern auch für eine gigantische Werbekampagne des Gastgeberlandes. Motto: „Deutschland – Land der Ideen“. Von den Plakaten lächeln zwei blonde Mädels mit aufgemalten Nationalflaggen herunter. Laut Selbstdarstellung spiegelt die Kampagne „wesentliche Eigenschaften der Deutschen wider: Einfallsreichtum, schöpferische Leidenschaft und visionäres Denken.“ Auf der offiziellen Website wird dazu passend „jeden Tag eine positive Nachricht“ verbreitet und an den Betrachter appelliert: „Wir sind dabei. Du auch?“ Und: „Jetzt offizieller Fan von Deutschland werden!“ Eine Werbekampagne von T-Com stößt ins gleiche Horn: „Wir brauchen Sie im größten Nationalteam aller Zeiten – geben Sie Deutschland Ihr Gesicht!“
Was das alles mit Fußball zu tun hat? Zunächst einmal wenig. Dass es zwischen Sport, Nation und Wirtschaft eine große Verbindung gibt, ist aber spätestens seit dem „Wunder von Bern“ bekannt. Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 1954 Ungarn besiegte, schlug bekanntlich die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik: Nach der als demütigend empfundenen Kriegsniederlage hatten viele Deutsche das erhebende Gefühl eines „Wir sind wieder wer“. Die mitgereisten Fußball-Anhänger sangen bei der Siegerehrung denn auch prompt die falsche Strophe der Nationalhymne, nämlich die erste.
Der grandiose Fußball-Sieg bewirkte, dass viele Deutsche ihre latenten Schamgefühle und Selbstzweifel ablegten und in einem Akt der nationalen Selbstversöhnung das „neue“ Deutschland feierten, für das es in den 50-er Jahren nicht nur auf sportlicher, sondern auch auf wirtschaftlicher Ebene steil nach oben ging. Das konnte allerdings nur funktionieren, indem zugleich die historische Schuld der Deutschen verdrängt und alles, was außerhalb der „nationalen Schicksalsgemeinschaft“ lag, abgewertet wurde.

Dieser Mechanismus greift auch heute noch. Dunkelhäutigen Spielern schlägt von den Rängen im Stadion regelmäßig offener Rassismus entgegen. Gegnerische Mannschaften werden als „Juden“ oder „Zecken“ beschimpft. Ein aktuelles Beispiel: Beim Länderspiel der DFB-Auswahl gegen die Slowakei im September 2005 ertönten aus dem deutschen Fanblock Rufe wie „Zick-Zack Zigeunerpack“ und „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“. Daneben wurden Schlachtgesänge wie „Wenn bei Danzig die Polenflotte im Meer versinkt“ zum Besten gegeben. Nach dem Spiel gab es dazu keine offizielle Reaktion – weder von Seiten des DFB noch vom anwesenden Innenminister.
Immer wieder werden derartige Vorfälle totgeschwiegen, kleingeredet oder zu einem vermeintlich „gesunden“ Patriotismus umgedeutet; sie passen nicht ins offizielle Bild. Dabei sind sie lediglich eine Übersteigerung des neuen Deutschland-Gefühls und liegen durchaus in der Konsequenz der nationalchauvinistischen Appelle von Politikern und Fußball-Funktionären. DFB-Präsident Gerhard Meyer-Vorfelder etwa fordert schon mal, deutsche Schüler sollten wieder alle drei Strophen des Deutschlandliedes einstudieren. Schließlich würden ja auch die Franzosen die Marseillaise ganz singen, obwohl deren Geschichte im Dritten Reich „nicht viel einfacher war als die Geschichte des Dritten Reiches bei uns.“ Und CSU-Generalsekretär Markus Söder sagte kürzlich, die Fußball-WM müsse genutzt werden, um einen positiven Patriotismus in Deutschland zu entfalten. Das Land brauche wieder ein stärkeres Gemeinschafts- und Nationalgefühl. O-Ton Söder: „Deutschland braucht einen ideellen Überbau.“

 

Augen zu und durch

FIFA-Präsident Joseph S. Blatter sagt, die Deutschen hätten 2006 „die Möglichkeit, mit einer ganzen Reihe von Klischees und vorgefassten Meinungen über Deutschland aufzuräumen.“ Die Welt werde „die Freundlichkeit“ und den „Humor der Menschen“ kennen lernen und „sehen können, was für ein wunderbares Land Deutschland tatsächlich ist“. Überbordende Vaterlandsliebe und Weltoffenheit haben jedoch in Deutschland noch nie so recht zusammen gepasst – das gilt bis zum Beweis des Gegenteils.
Um Blatters Worten dennoch zu entsprechen, wird derzeit hastig am Image gefeilt. Der DFB legte 2005 erstmals eine Studie zur unrühmlichen Verbandsgeschichte im Dritten Reich vor – nach Jahrzehnten des Schweigens und erst nach wachsendem öffentlichen Druck angesichts der nahenden Weltmeisterschaft. Rassismus und Hooliganismus bekämpfen die Verantwortlichen in erster Linie an der Oberfläche: Mit Stadionverboten und scharfen Sicherheitskontrollen.
Was nicht ins heile Bild passt, wird einfach ausgeblendet: Zum Beispiel die Tatsache, dass der Iran durch die WM-Teilnahme eine erstklassige Propaganda-Bühne erhält. Den Fans wird derweil ein positives Zugehörigkeitsgefühl vermittelt und Kritik, etwa an der Stadionsicherheit und der Ticketvergabe, gnadenlos abgebügelt. In den Worten Franz Beckenbauers: „Der Verbraucherschutz macht sich wichtig und hält uns von der Arbeit ab.“

Die Beispiele zeigen, wer die wahren Gewinner der Fußball-WM in Deutschland sind: Die Funktionäre, die Wirtschaft und nicht zuletzt die deutsche Politik. Man muss deshalb nicht gleich „vor dem Gebrauch des Fußballwahns“ warnen, wie es der Dichter Joachim Ringelnatz einmal getan hat. Das Turnier im Sommer soll hier niemandem verleidet werden. Der Blick hinter die aufgeblasene Werbefassade macht aber deutlich, dass es bei der Weltmeisterschaft nicht so sehr um Fußball, sondern viel mehr um ganz andere Dinge geht.

 

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